# Arti sceniche

BLUT – Lesung und Gespräch mit dem Autor David Bilkei aus seinem Buch "Blut"

Thür Art Forum, INTI, Eichwiesstrasse 9, 8630 Rüti ZH
Freier Eintritt
David Bilkei liest...
Wie entsteht eine Geschichte? Wann entwickeln Figuren ein Eigenleben? Und was kann das Ungeschriebene erzählen? Ein Nachmittag über Literatur, Realität und Fiktion.
BLUT
Von der Kunst des Weglassens
Wie wenig braucht es, damit eine Geschichte entsteht?
Ein Roman lebt nicht allein von dem, was geschrieben steht. Ein wesentlicher Teil seiner Wirkung entsteht dort, wo der Text innehält, etwas offenlässt, eine Vorstellung nicht vollständig ausformuliert. Für David Bilkei ist Reduktion deshalb nicht einfach eine Frage des Stils, sondern eine Form des Erzählens: nicht möglichst wenig zu sagen, sondern genau so viel, dass beim Lesen etwas Eigenes entstehen kann.
Am 3. Oktober ist David Bilkei mit seinem Roman Blut zu Gast in der Thür Art Manufacture. Die Lesung wird dabei nicht nur einen Einblick in den Roman geben, sondern auch in den Prozess, aus dem er hervorgegangen ist. Es geht um Figuren und ihre Beziehungen, um Loyalität und Abhängigkeit, um Recherche und Fiktion, um Planung und Kreativität – und immer wieder um die Frage, was ein Autor zeigen muss und was er dem Leser überlassen kann.
Denn Schreiben bedeutet für Bilkei auch, Informationen bewusst zurückzuhalten. Ein Raum muss nicht vollständig beschrieben werden, damit er vorstellbar wird. Zwei präzise Details können genügen. Ein Geräusch, eine Bewegung, ein Geruch oder eine Oberfläche kann eine Wahrnehmung hervorbringen, die weit über das tatsächlich Geschriebene hinausreicht. Der Autor liefert das Material, das Bild entsteht in der Vorstellung des Lesers.
Damit wird die Leerstelle zu einem produktiven Raum. Was fehlt, ist nicht einfach Abwesenheit. Es fordert zur Ergänzung auf. Der Leser rekonstruiert, vermutet, erinnert, verbindet. Er wird vom Empfänger einer Geschichte zu ihrem stillen Mitgestalter. Bilkei beschreibt darin eine besondere Form der Kommunikation: Der Autor setzt Impulse, der Leser vervollständigt sie.
Hier berühren sich Blut und unser Ausstellungsthema „Reichlich wenig“ auf unmittelbare Weise.
Denn was zunächst nach Verknappung klingt, kann sich als Gegenteil erweisen. Das Wenige kann reich sein, wenn es nicht alles festlegt. Reduktion kann Fülle erzeugen, wenn sie Raum lässt. Ein Detail kann stärker wirken als eine Beschreibung, eine Andeutung nachhaltiger sein als eine Erklärung. Nicht weil weniger grundsätzlich mehr wäre, sondern weil das Weglassen Beteiligung ermöglicht.
In diesem Sinn kreisen Blut und „Reichlich wenig“ um dieselbe grundlegende Frage: Wie viel ist notwendig, damit etwas über sich selbst hinausweist? Was muss vorhanden sein, damit Vorstellungskraft entstehen kann? Wo beginnt Überfülle, die nichts mehr offenlässt? Und wann wird Reduktion zu einer eigenen Form von Freiheit?
Auch Bilkeis Überlegungen zur Kreativität führen in diese Richtung. Einschränkungen müssen den schöpferischen Raum nicht kleiner machen. Eine Grenze kann ihn überhaupt erst definieren. Innerhalb eines begrenzten Raumes entstehen Möglichkeiten, die sich ausserhalb dieser Begrenzung nicht zeigen würden.
Das gilt auch für die Figuren seines Romans. Sie werden vom Autor geschaffen, entwickeln aber mit zunehmender Präzision eine eigene innere Logik. Irgendwann kann der Moment eintreten, in dem eine Figur etwas nicht mehr tun würde, obwohl es der geplanten Handlung entgegenkäme. Dann verändert sich das Verhältnis zwischen Autor und Figur: Der Autor führt – und muss zugleich Freiheit gewähren. Die Figur gewinnt Eigenleben, gerade weil sie innerhalb ihrer gesetzten Grenzen glaubwürdig geworden ist.
Ähnlich verhält es sich mit dem Leser. Auch er braucht Orientierung, aber keine vollständige Führung. Bilkei interessiert die Zone zwischen zu wenig und zu viel: Dort, wo der Text genügend Anhaltspunkte gibt, um eine Geschichte entstehen zu lassen, ohne die Wahrnehmung vollständig festzulegen.
So wird aus einer Lesung über Blut zugleich eine Reflexion über das Erzählen selbst. Über die eigentümliche Kunst, etwas wegzulassen, ohne es verschwinden zu lassen. Über die Möglichkeit, durch Begrenzung Freiheit zu schaffen. Und über die Erkenntnis, dass das Ungesagte nicht notwendig weniger bedeutet.
Es kann mehr bedeuten.
Im Verlauf des Nachmittags wird David Bilkei nicht nur aus Blut lesen, sondern auch über jene Entscheidungen sprechen, die hinter einem Text verborgen bleiben: über verworfene Ideen, über Figuren, die sich verselbständigen, über die Grenzen von Recherche und Fiktion und über die Frage, wie viel Wirklichkeit eine erfundene Geschichte benötigt.

Ein Nachmittag über das Schreiben, über Beziehungen und über die Freiheit des Lesers.
REICHLICH WENIG
Wie wenig braucht es, damit sehr viel entstehen kann?

Orari di apertura

Türöffnung: 14:30

Contatto

Thür Art Manufacture

Patrick Thür

Eichwiesstrasse 9

8630 Rüti

Schweiz